Kulturbotschafter mit Tatzen

Die Buddy-Bären sind Globetrotter auf Welttournee. Die nächsten Wochen verbringen sie in Japan

Nun schwimmen sie wieder. Vielleicht gerade irgendwo im Indischen Ozean, wo der Tsunami jüngst das Meer hob. 123 Berliner Buddy-Bären, zu sperrig für den Lufttransport, seefest verpackt in Container, damit sie schadlos von Istanbul nach Tokio gelangen.

Vor zwei Sommern hielt die große farbige Bärenrunde den weiten freien Platz hinter dem Hotel Adlon am Brandenburger Tor besetzt und zog mehr als anderthalb Million Besucher an. Wuchtige Gestalten aus glasfaserverstärktem Kunststoff, bemalt und beklebt von Künstlern aus aller Welt. Sendboten eines multikulturellen Verständigungswillens und zugleich Spendeneintreiber für eine der hochherzigsten Unternehmungen unserer Zeit: das Kinderhilfswerk Unicef.

Minori Mori will sie jetzt haben. Japans erfolgreichster Immobilienhändler hält den beleibten Gesellen einen Platz frei auf den Tokioter Roppongi Hills, direkt vor dem 270 Meter hohen Mori Tower, den jeden Tag bis zu 100 000 Menschen frequentieren. Der Baulöwe gibt sich gern als Kunstliebhaber. Oben im 52. und 53. Stockwerk des höchsten japanischen Bauwerks ließ er soeben das Mori Art Museum einrichten, das Weltkunst ins Land der aufgehenden Sonne holen und einheimischen Talenten eine Chance der Präsentation eröffnen soll. Unten, wo unablässig die Menschenmasse aus den U-Bahn-Schächten quillt, ist das Fluidum nicht elitär, sondern eher geeignet für Volksvergnügen. Da passt die Berliner Tatzentruppe besser ins Konzept und ist dem Mori-Konzern ein generöses Sponsoring wert.

Es wird die fünfte Station für die zweite Berliner Buddy-Bärenrunde sein. Die erste Generation, Jahrgang 2002, hat sich durch Versteigerungen aufgelöst und fand zu einem Gutteil in den Vorgärten der ausländischen Botschaften ihre Standplätze. Die zweite Generation indessen, Jahrgang 2003, wurde auf Welttournee geschickt. Vom Brandenburger Tor in Berlin wechselten sie im vorigen Winter auf den verschneiten Tennis Court von Kitzbühel, dann vor die sommerliche Wolkenkratzerkulisse im Central Park von Hongkong. Der Eisige aus Kanada, der Luftpost-Bote aus Thailand, der Tänzer aus Nigeria, der Vergoldete aus Peru, dessen Blick so melancholisch in der Morgensonne flammt. Und die anderen. Als der Herbst kam, stemmten sie ihre Tatzen auf dem Tepebasi-Pera-Platz in Istanbul himmelwärts und blickten über den Bosporus hinüber nach Europa zum Goldenen Horn. Produkte einer internationalen Künstlergemeinschaft als Globetrotter.

Berlin hatte schon oft Glück mit seinem Wappentier. Diesmal begann es mit einer Urlaubsidee. Ein Berliner Ehepaar im Sommer 2000 in New York: Sonnenhimmel über Manhattan, die Twin Towers standen noch, und in den Straßenschluchten posierte eine Cow Parade: bunt bemalte Schweizer Kühe aus Kunststoff als Touristenattraktion, manche Exemplare aufrecht stehend und so gewissermaßen vermenschlicht. Eine Referenz aus Zürich an die Megastadt am Hudson-River. Zündstoff für die Fantasie von Eva und Klaus Herlitz. Er, familienhistorisch gesehen ein Urberliner, promovierter Betriebswirt und bis 1997 Vorstand der Herlitz AG, war schon länger auf der Suche nach einer unternehmerischen Idee, die ihm zugleich freie Entscheidungen erlaubt und Vergnügen bringt. Sie, von fröhlicher rheinischer Herkunft, Pädagogin und Innenarchitektin, bis dahin eher gefordert als Mutter von drei Kindern, erkannte schnell die Chance einer befriedigenden Beschäftigung für die zweite Hälfte des aktiven Berufslebens. Beide also ausgestattet mit genügend Motivation, Selbstvertrauen und Energie, eine solche Art von Parade mit Berliner Bären zu Stande zu bringen.

Kein zwingender Gedanke damals, denn die Grenze von Kunst und Kitsch wird bei solch spektakulären Aktionen oft leichtfertig überschritten. Schweizer Almenflair mochte denn auch in New York nicht aufkommen. Ein versprengtes, Kutte tragendes Monster mit Wanderstab in der einen und Bibel in der anderen Klaue steht heute noch vor dem United States Court House. Zwingli lässt grüßen. Es war ein Geschenk, die Amerikaner mussten es wohl behalten. Zu nennenswerter internationaler Aufmerksamkeit reichte es nicht. Toronto, das die Schweizer Idee aufgriff, ist mit seinen Elchen auch nicht recht glücklich geworden. Von Leipzigs grimmigen Löwen ganz zu schweigen.

Die Berliner Plastik-Bären indessen bringen einen Sympathiebonus aus der Tierwelt mit - gemütlich, friedfertig und kuschelig. Das folkloristische Beiwerk auf den Tatzen und Bäuchen macht sie zu Foto- und Streichelobjekten für Touristen- und Familien auf Spaziergang. In ihrem Multikulti-Outfit verbreiten sie karnevalistische Fröhlichkeit - manchmal auf unerwartete Weise.

In Hongkong geriet der rauchende Kubaner in die Schusslinie behördlicher Kritik, weil dort strengstes Verbot von Tabakwerbung gilt. Die Gestalterin Nancy Torres schickte einen Brief an das Tobacco Central Office, worin sie sich selbst als Nichtraucherin outete und um Verständnis für die ausgerotteten Indianer ihrer Heimat bat. Gastfreundliche vermeintliche Wilde, die Kolumbus mit dem Kulturgut Zigarre beschenkten, ohne zu wissen, welche verheerenden Folgen die Nikotinsucht in der zivilisierteren Welt anrichten werde. Die Chinesen sagten nicht ja und nicht nein, sie wogen die Kunst gegen die Gesetzeslage ab und entschieden, dass man den Bauch mit der vermeintlichen Tabakwerbung verhülle. Mit ungeahntem Popularitätseffekt: Tausende Schulkinder lüpften das Tuch, um nachzusehen, was der Kerl darunter trage.

Herlitz und Herlitz gründeten nach ihrer Rückkehr aus New York die Firma Buddy Bär Berlin GmbH. Unterstützt von vielen ausländischen Botschaften holten sie Künstler aus aller Welt herbei und ließen im stillgelegten Straßenbahndepot in Niederschönhausen ein Atelier einrichten. Ohne Sponsorenhilfe wäre daraus nichts geworden. Das Berliner Hotelgewerbe half in touristenarmer Herbstzeit mit kostenfreier Beherbergung.

Mittlerweile hat die Berliner Bärenrunde mehr als eine Million Euro für wohltätige Zwecke eingetragen. Die Versteigerung von zehn Kopien in Kitzbühel erbrachte 44 900 Euro. Um den Zigarre rauchenden Kubaner wetteiferten zwei Bayern mit Zweitwohnsitz in dem Nobel-Ski-Ort. So erklärt sich der Rekordertrag von 12 000 Euro. In Hongkong bediente eine von Filmkönig Jackie Chan angeführte Crew von wohlhabenden Unternehmern die Idee schon am Tage der Eröffnung mit einer Schecksumme von fast 450 000 Euro.

Die Buddy Bär GmbH stützt ihr weltweites Engagement unter anderem im Berliner Touristengeschäft ab. Mini-Ausführungen der Bären beleben das Souvenirangebot in der Hauptstadt. Weiße Rohlinge kann sich bestellen, wer den Selbstversuch mit Farbe und Lack wagen will - letzteres freilich nicht in jedem Fall zum Segen des Stadtbildes. Andere private Exemplare erheben grüßend ihre Tatzen in den Weiten der Prärie von Wyoming, an den österreichischen Alpenhängen und in Vorgärten von München bis Melbourne. Einer steht sogar im diplomatischen Dienst: Versehen mit schwarz-rot-goldener Schärpe ziert ein weißer Berliner Bär die Residenz der deutschen Botschaft in Oman. Wieder andere - zum ersten Mal sitzende Exemplare des Ursus berlinensis - werden im Mai die Berliner Flaniermeile zwischen Tauentzien und Kudamm zieren. Ein Auftrag des Bezirksamtes zur 300-Jahrfeier von Charlottenburg.

Dankesbezeugungen kommen sogar von der Südhalbkugel. Lange Nacht der Museen nach Berliner Vorbild in Buenos Aires, Straßenparade von achtzehn Buddy-Bären, bemalt von argentinischen Künstlern - Klaus Wowereit ließ sich als Bärenführer am Rio de la Plata blicken.

Verständigung und Toleranz heißt die Botschaft, die den Berliner Buddy-Bären aufgetragen ist. Nicht immer springt der Funke ganz frei über. In der Türkei musste der zyprische Bär in der Holzkiste bleiben, wegen der ungeklärten politischen Frage um die Mittelmeerinsel. Manchmal aber realisiert sich das Toleranzprinzip dann auch auf ganz dezente Weise. In jedem Land muss die Runde nach dem dort gültigen Alphabet aufgereiht werden. So gaben sich in Hongkong der Iraker, der Iraner und der Israeli gleichsam die Tatzen, und in Istanbul stand der Deutsche wie ein Vermittler zwischen dem Afghanen und dem Amerikaner.

In Tokio wird die ganze Truppe wiederum neu geordnet. Den Anfang bildet dort der Ire, das Ende der Russe. Am 4. April wird in Japan das Deutschlandjahr eröffnet. Kultur steht mit Wirtschaft und Technologie auf der Themenliste obenan. Den 123 Globetrottern schickt die Buddy Bär GmbH einen nachgefertigten Berliner hinterher, gestaltet vom Künstler Frank Rödel. Der 124. für die Runde wird eingeflogen wie ein Staatsgast - an Bord der Präsidentenmaschine, zusammen mit Horst Köhler, der das Deutschlandjahr eröffnen und bei dieser Gelegenheit auf den Roppongi Hills zusammen mit dem japanischen Kronprinzen Naruhito den Nachzügler signieren und gleichsam zum Kulturbotschafter erheben wird.

Sechs Wochen im April und Mai werden die Berliner Bären am Fuße des Mori Tower auf den Sechs-Bäume-Hügeln, so die Übersetzung von Roppongi Hills, verbringen. Anschließend wird die Truppe von der Reederei Hamburg Süd (ebenfalls ein Groß-Sponsor) wieder in 40-Fuß-Container verpackt und zum Hafen von Yokohama befördert. Und dann schwimmen sie wieder. Frachtgut nach Südkorea. Der nächste Auftrittsort heißt Seoul.

Peter Jacobs