Der Bär aus Pjöngjang kommt später

Die Buddy-Bären-Welt-Tournee bringt sogar nordkoreanische Kunst nach Südkorea / Von Anne Schneppen

SEOUL, 10. Oktober. Hundertvierundzwanzig sind schon da, einer fehlt noch. Die Lücke im Kreis ist nicht zu übersehen. Der südkoreanische Bär wartet noch auf seinen Partner aus dem Norden, der die Runde schließen soll. Zur Eröffnung der Buddy-Bären-Präsentation am Wochenende hatte es der Vertreter Pjöngjangs nicht nach Seoul geschafft. zu kompliziert sind die Beziehungen zwischen Nord und Süd auf der geteilten Halbinsel. Aber daß er in dieser Woche noch kommen soll, ist schon eine kleine kulturpolitische Sensation. In dem bunten Bärenrudel von Klaus und Eva Herlitz war nie ein nordkoreanisches Exemplar dabei, weder in Berlin noch auf den bisherigen Stationen ihrer Welttournee, Kitzbühel, Hongkong, Istanbul und Tokio. Doch wenn man schon mit einer Bären-Internationale Völkerfreundschaft demonstrieren will, dann konnte es in Südkoreas Hauptstadt natürlich nicht ohne Nordkorea gehen. Die Initiatoren in Berlin hatten sich das allerdings etwas einfacher vorgestellt. Zunächst wollte man einen Rohling zum Bemalen nach Seoul schikken, was bedeutet hätte, daß ein nordkoreanischer Künstler sich dorthin begibt. „Das war wohl etwas unrealistisch", bekennt Herlitz in Seoul. Dann dachte man sich: Warum nicht den Bären zum Künstler nach Pjöngjang bringen und von dort nach Seoul? Auch dieser Plan stieß im Norden nicht auf Wohlgefallen. Schließlich die Idee: Der Bär wird in Berlin bemalt und von dort nach Seoul verfrachtet.

Ein dreiviertel Jahr wurden Gespräche geführt, Botschafter eingeschaltet, die Kontakte des Goethe-Instituts bemüht, das immerhin einen Lesesaal in Pjöngjang eröffnen durfte. Die nordkoreanische Seite war, trotz Einladung und Kostenübernahme, nicht leicht zu überzeugen. Herlitz packte im Zuge der Verhandlungen sogar Nordkoreas Botschafter in Berlin bei der nationalen Ehre: Von denen, die noch nie mitgemacht haben, sei Nordkorea das größte Land. Mit karibischen Zwergstaaten wollte man sich vielleicht dann doch nicht verglichen sehen. 140 Länder haben mittlerweile an dem Projekt teilgenommen. Jeder Bär repräsentiert einen Staat.

Anfang Oktober war es soweit. „Das scheinbar Unmögliche wird wahr", schrieb die in Geduld geübte deutsche Botschaft in Pjöngjang an Herlitz. Die „Demokratische Volksrepublik Korea" schickte gleich zwei Künstler, da konnte jeder auf den anderen aufpassen. Beide sind in ihrer Heimat als|„verdiente Künstler" ausgezeichnet worden, arbeiten im staatlichen Mansudae-Kunststudio. Der Ältere, Rim Changbok, entspringt nach seinem offiziellen Lebenslauf der Arbeiterklasse und weist als „besondere Leistungen" die Gestaltung von Skulpturen des ersten angolanischen Präsidenten und einer angolanischen Königin aus. Der Jüngere, Kim Ik-hyun, ist der Sproß einer Künstlerfamilie und entwirft gewöhnlich Propagandaplakate. Über Peking und Frankfurt kamen sie in die Spandauer Werkstatt der Buddy Bär Berlin GmbH.

In ihrem Container im Olympiapark von Seoul zeigt die Generalsekretärin der koreanischen Veranstalter, Lee Eun-joo, einen Brief der Künstler vom 5. Oktober, handgeschrieben und mit einem Foto versehen. Beide lächeln, Rim winkt in die Kamera. Im Hintergrund steht ein hellblauer Bär. In dem Brief bedanken sich Kim und Rim artig, schreiben von der Hoffnung einer Wiedervereinigung. Diese Vision haben sie ihrem Bär auf den Körper gepinselt: Oben der nordkoreanische Paekdu, unten der tief in Südkorea gelegene Hallasan, die beiden von Mythen erhöhten koreanischen Schutzberge. Dazwischen ein Regenbogen, von dem acht Feen herabsteigen.

Auch der südkoreanische Bär bedient sich einer Symbolik, die über alle Ideologie und den Eisernen Vorhang erhaben ist: Der Bär ist in Korea ein Sinnbild für die Urmutter im Schöpfungsmythos. Den zeichnet der Künstler Sa Suk-won in bunten Farben auf seinem Zwei-Meter-Buddy nach.

Frau Lee Eun-joo hat hartnäckig dafür gearbeitet, die Bärenrunde nach Seoul zu holen. Sie, die an der Berliner Universität der Künste studiert hat, sieht sich als Kulturmanagerin zwischen Europa und Asien: „Deutschland hat die Wiedervereinigung schon geschafft. Korea steht noch am Anfang. Berlin, als ehemals geteilte Stadt, ist so aktiv, eine Kulturstadt. Ich hoffe, das ist ein Vorbild auch für uns, für die Verständigung von Nord- und Südkorea." Der nordkoreanische Bär kommt zu spät, aber er kommt. Anders als die anderen 124 seiner Sippe muß er nicht im Container Wochen über Wasser reisen, er hat einen Freiflug von Lufthansa. Derweil springen andere in die Lücke der Bärenrunde auf dem Friedensplatz des Seouler Olympiaparks. Auf dem noch leeren Betonsockel Nordkoreas gehen junge Koreaner in Buddy-Bären-Pose oder recken das Peace-Zeichen in die Kameras. Insofern ist sogar das fehlende Nordkorea noch eine Attraktion.