Auf dem Kurfürstendamm stehen fast hundert davon herum: bunt bemalte Berliner Wappentiere
An die einhundert zwei Meter große und 45 Kilo schwere, bunt bemalte, sehr harmlose Wappentiere sind gleichmäßig über den Kudamm verteilt. Weitere Petze lungern Unter den Linden, vor Flughäfen und Hotels herum, und nächsten Donnerstag zieht eine Herde von 25 Teddys ins Neue Kranzler-Eck. "Mit diesen originellen phantasievoll gestalteten Bären, die uns von nun an auf Schritt und Tritt in der Stadt begegnen werden, ist Berlin um eine wunderbare Attraktion reicher!", jubelt der Senator für die Stadtentwicklung, und das reizte uns sehr, den Bären auf den Pelz zu rücken, um des Berliner Bärens Beitrag zur städtischen Erneuerung zu untersuchen.
Also los, Richtung Kudamm.
Dort denkst du im ersten Moment: Was soll der Quatsch? Das ist schon mal schlecht so, weil typisch Berlin: Erst mal meckern. Wir entdecken das erste Exemplar vor einem Schuhgeschäft. Petz balanciert drei Biergläser und ist von oben bis unten mit weiteren Bärenkindern, die auf Berliner Wahrzeichen umherturnen, tätowiert. Gegenüber, auf dem Mittelstreifen, wurde ein auf allen Vieren stehendes Exemplar mit so geistvollen Begriffen wie "Booom", "Klirr", "Pfaff", "Brrrrr" oder "Iiiiiih!" versehen, dazu mit Totenkopf, einer H-Bombe, wie sie sich der kleine Moritz vorstellt - dunkel ist dieses Bären Sinn, vielleicht ein Anti-Kriegs-Bär oder eine Gewalt-Orgie von jemandem, der zu oft RTL II sieht?
Aber dieses Vieh ist wirklich eine Ausnahme unter dem netten, mit frischen hellen Modefarben des Sommers von Künstlers Hand bemalten Braunbärbestand des Kurfürstendamms. Da zieren Blumenmuster die Wampe, das Fell ist pankig Pink, vor einer Bank hängt ein Euro am Hals des Bären, der die Tatzen flehentlich gen Himmel hebt. Mal wurde ein "Bärenburger Tor" dem Tier ins Fell gemalt, mal begegnet er uns mit Taucherbrille und Schnorchel zwischen Flipper, Hai und anderem Meergetier.
Die meisten Kudamm-Touristen gehen an den Bären vorbei, als wären das Kleiderständer. Aber wenn man sie fragt: "Und wie finden Sie unsere netten Bärlein?", dann sagen sie einstimmig sinngemäß: "Echt geil". Manche gehen mit der Kamera auf Bärenjagd, andere platzieren ihr Begleitpersonal ganz nah an die Braun-, Eis-, Schwarz-, Brillen- oder Lippen-, auf jeden Fall aber Berliner Wappenbären: "Janz Berlin is echt bärig", spricht der Tourist aus dem Sauerland; er tobt mit seiner Reisegruppe vier Tage durch die Stadt und findet, dass das Kunstwerk zusammengequetschter Gegenstände in seinem Hotel "eigentlich auf den Sperrmüll gehört", obwohl: "Sowas kostet in Berlin 24 000 Mark!".
Weil wir gerade beim Geld sind: Über einhundert Berliner Unternehmen haben bisher die Kunststoff-Figuren für 3 000 Mark bei der Buddy-Bär-Berlin (BBB) GmbH gekauft und von Künstlern bemalen lassen. Der Initiator Klaus Herlitz erinnert an die bunten Kühe in Zürich, Chicago und New York, die wir auch auf der Expo bewundern konnten, "und für Berlin kam natürlich nur der Bär in Frage - ein fröhlicher Kumpel, den man gern auf der Straße trifft", ob er nun auf allen Vieren, auf zwei Hintertatzen oder auf dem Kopf steht und sich die Welt von unten anguckt.
Herlitz' Buddy-Bären-Show, diese Open-Air-Galerie der Harmlosigkeit glücklicher Bären, bleibt nicht ohne Folgen. Ein Berlin-Fan aus Trier möchte ein Exemplar kaufen und mitten in seiner Stadt aufstellen, von wejen die Verbundenheit, und eine Berlinerin bestellt gleich zwei Bären - für ihre Finca auf Mallorca. Wenn das so weitergeht, geht das schon ganz schön weit.
Von Lothar Heinke