Abschied von Sir Peter
"Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, war das immer voller Hoffnung und ganz ohne Erwartungen. Und das hat mir sehr geholfen. Alles Schöne, was mir passiert ist, war ein großes Erstaunen. Weil ich nie dachte, dass ich so etwas verdiene. Ich bin erstaunt, dass ich so weit gekommen bin." Das sagte Peter Ustinov letzten November im BZ-Interview.
Und damit umreißt er sein Leben als Schauspieler, Autor, Opern- und Theaterregisseur - eine erfolgreiche Karriere, die sechs Jahrzehnte umfasst.
Der 82-Jährige starb in der Nacht zu Montag in einer Klinik in Genolier in der Schweiz, wo er seit acht Wochen seine Herzprobleme und schwere Zuckerkrankheit behandeln ließ. "Die Ärzte haben alles getan, aber es hat nicht mehr geholfen. Langsam, aber sicher hat sich sein Leben ausgelöscht", berichtete ein Freund.
Ustinov lebte seit 20 Jahren mit seiner dritten Frau Hélène am Genfer See. Am 16. April wäre der Vater von drei Töchtern (Tamara, Pavla, Andrea) und einem Sohn 83 Jahre alt geworden.
Ustinov wurde Anfang der 50er Jahre durch seine Charakterrollen in Hollywoodfilmen bekannt, so als Nero in "Quo Vadis" und als sadistischer Sklavenhändler in Stanley Kubricks "Spartacus" (1959). Dafür gab es einen Oscar, der zweite folgte für "Topkapi" (1964).
Großen Erfolg hatte er als Agatha Christies Meisterdetektiv Hercule Poirot ("Tod auf dem Nil"). Zuletzt war er als sächsischer Kurfürst Friedrich der Weise im Kinofilm "Luther" (2003) zu sehen.
Sir Peter Ustinov, 1990 von der Queen geadelt, war ein Multitalent: Er verfasste neun Drehbücher, mehr als zehn Romane und Erzählungen und über 20 Theaterstücke, darunter "Beethovens Zehnte". Inszenierte Opern in Berlin, Hamburg, Dresden, Salzburg, London, Paris und Moskau. Und engagierte sich als UNICEF-Sonderbotschafter, Professor für Vorurteilsforschung und Vorsitzender der Weltföderalisten. Mehrfacher Ehrendoktor, Mitglied der Akademie der Schönen Künste in Paris, hatte er auch einen Lehrstuhl für Vorurteilsforschung an der TU Budapest und war Rektor der Universität Durham.
Er sprach sechs Sprachen flüssig, konnte sich in zwei weiteren gut verständigen.
Der Sohn eines Deutschen und einer Französin mit äthiopischen Wurzeln wurde 1921 in London geboren, in Schwäbisch-Gmünd getauft, ging in London zur Schule. Er nahm dort mit 16 Jahren Schauspielunterricht, spielte erste Rollen auf der Bühne und schrieb sein erstes Stück. 1950 kam er in Hollywood an und begann seine internationale Karriere.
Nicht sentimental, aber auch nicht zynisch, antwortete der mehrfache Millionär (erhielt allein 15 000 brit. Pfund für einen Dinner-Trinkspruch) auf die Frage, was einmal auf seinem Grabstein stehen solle: "Bitte nicht auf das Gras treten."
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Sir Peter über ...
... den Tod: "Der Körper ist ein Mietwagen, den man irgendwann abgeben muss. Nichts spricht dagegen, dass der Fahrer bleibt. Aber es spricht auch nichts dafür. Die Theologie ist keine präzise Wissenschaft. Kein Mensch weiß, was nach dem Tod passiert." - "Ich bedaure, dass das Leben sehr kurz ist. Und es wäre scheußlich, wenn es viel zu lang wäre."
...den Glauben an Gott: "Ich bin immer in die Schule marschiert und hab mit all den anderen Jungen gebetet: Ich glaube an einen Gott, und am Ende habe ich mich gefragt: Warum sag ich das jeden Tag? Ich hab's mir nie überlegt."
...das Altern: "Wenn du älter wirst, lauschst du in dich hinein, hörst Geräusche. Deine Karosserie wird klapprig, die Hinterachse quietscht, die Tür schließt nicht mehr richtig, aber die Seele bleibt jung."
...Kindheit und Jugend: "Die Kindheit ist jene herrliche Zeit, in der man dem Bruder zum Geburtstag die Masern geschenkt hat." -"Jugend ist etwas Wundervolles, schade nur, dass man sie an die Kinder vergeudet!"
...Humor: "Humor ist einfach eine komische Art, ernst zu sein."
...Fehler: "Jeder Mensch macht Fehler. Das Kunststück liegt darin, sie zu machen, wenn keiner zuschaut."
...Erfolg und Geld: "Der Erfolg besteht manchmal in der Kunst, das für sich zu behalten, was man nicht weiß." - "Geld korrumpiert - vor allem jene, die es nicht haben."
...Jubiläen: "Ein Jubiläum ist ein Datum, an dem eine Null für eine Null von mehreren Nullen geehrt wird."
...Ironie: "Es gibt auf der Welt zwei Länder, in denen keine Ironie existiert: Amerika und Monaco. Ersteres, weil es zu groß ist. Letzteres, weil es zu klein ist." ...Leidenschaft: "Leidenschaft hat keinen Preis, man schenkt sich nur selbst. Nur stumpfe Illusionen stehen zum Verkauf, und die sind von der Wahrheit so weit entfernt." (aus "Was ich von der Liebe weiß", Econ TB 1996)
...Liebe: "Die größte Liebe ist immer die, die unerfüllt bleibt - der Traum."
...Lügen: "Stil ist eine Art von Lüge. Es ist ein Ornament, das die Architektur versteckt."
...seinen Witz: "Schon als Kind war ich witzig, weil ich ein bisschen dick war. Ich wusste, das war der einzige Schutz. Um Leute zu amüsieren, habe ich Selbstkritik geübt." ...Diplomatie: "Heutzutage ist ein Diplomat nicht mehr als ein Oberkellner, der sich gelegentlich hinsetzen darf."
...Bissiges: "Die Bibel sagt, du sollst deinen Nächsten lieben. Ich bin überzeugt, dass sie meinen Nachbarn nicht kennt." - "Wer auf der Stelle tritt, kann nur Sauerkraut fabrizieren." ... das Ende: "Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt explodiert, wird die Stimme eines Experten sein, der sagt: ,Das ist technisch unmöglich!'"
Die Welt trauert
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) würdigte Ustinov als "grandiosen Schauspieler und Künstler" und "Mensch mit Herz, mit Geist und Humor". Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister: "Als Weltbürger war er auch ein Freund Berlins, der unsere Stadt bis zuletzt immer wieder besucht hat. Wir werden ihm ein ehrendes Gedenken bewahren." Wolfgang Völz, Ustinovs deutsche Stimme: "Ustinov war wirklich entzückend, er wird uns fehlen. Ohne ihn wird es arm werden in der Welt. " TV-Moderatorin Sabine Christiansen: "Die Welt hat den Botschafter der Herzen verloren und die Kinder eine ihrer wichtigsten Stimmen. Er hat wie ein Kind nie aufgehört Fragen zu stellen, hat nie aufgehört, begreifen zu wollen. Auch deshalb, weiß ich, war er den Kindern, denen er geholfen hat, so nahe." UN-Generalsekretär Kofi Annan hat zutiefst traurig auf den Tod des Schauspielers reagiert. Sir Peters außergewöhnlicher Verstand, seine Intelligenz und Kreativität seien ebenbürtig gewesen mit seinem Gewissen, seinem Charakter und seinem Mitgefühl, so Annan.