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02.06.2012 /

"Nicht das Niveau des neuen Kudamms unterschreiten"

Noch mehr Buddy-Bären? Stadtplaner Hans Stimmann sieht das Vorhaben kritisch

Die Debatte um die Buddy-Bären reißt nicht ab: Sollen sie den Kurfürstendamm bevölkern oder nicht? Nachdem Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) die Pläne des Bezirksamtes am Freitag in einem Gastbeitrag für die Zeitung verteidigte, kritisiert heute Hans Stimmann, Architekt, Stadtplaner und ehemaliger Berliner Senatsbaudirektor, das Vorhaben, Buddy-Bären auf dem Boulevard aufzustellen. Wie berichtet, hat der Bezirk die 16 Landesvertretungen der Bundesländer in Berlin gebeten, einen Buddy-Bären anzuschaffen, ihn von einem Künstler bemalen zu lassen und ihn in einer Ausstellung auf dem Mittelstreifen des Kurfürstendamms zu präsentieren. Eine Entscheidung darüber haben die Landesvertretungen noch nicht getroffen.

Von Hans Stimmann

Ich weiß nicht, was die Werber veranlasst hat, das Europa-Center mit dem Slogan "Mehr West-Berlin geht nicht" und "Unser Palast der Republik" anzupreisen. Richtig ist, beide Gebäude sind bzw. waren Produkte der Teilung Berlins und der damit verbundene Versuch, die historische Stadtstruktur, dem Zentrum in der alten Mitte zwischen Alex und Potsdamer Platz und dem vornehmen Westen, neu zu justieren. So wie der Palast der Republik (1973-76) Teil der DDR-Planung zur Transformation von Altstadt und Stadtschloss in den Staatsraum war, bildete zehn Jahre vorher das Europa-Center den Abschluss der West-Berliner Planungen zum Umbau des Auguste-Viktoria-Platzes am Beginn des Kurfürstendamm in die City-West.

Zum Programm der Transformation gehörte im Westen auch der autogerechte Umbau des 1862 von J. Hobrecht angelegten Stadtgrundrisses, dessen südliche Grenze der 53 Meter breite Kurfürstendamm bildet. Er wird in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zum Flanierboulevard nach Pariser Vorbild mit Cafés, Restaurants, Geschäften, Kinos und Wohnungen und zum Mittelpunkt des eleganten Berliner Westens. Der Krieg und die Teilung der Stadt markieren einen Bruch dieser Rolle. Es beginnt ein Umbauprogramm, zudem neben dem Europa-Center auch das Kudamm Karrée, die Zerstörung der Plätze und der typisch schrägen Straßeneinmündungen gehörten.

Es hat nach dem Fall der Mauer (zu) lange gedauert, sich auf die Qualitäten des Westens zu besinnen. Zu lange sah man sich in Konkurrenz zum Potsdamer Platz, zur Friedrichstraße, zur Straße Unter den Linden. Inzwischen ist der einzige Boulevard Berlins auf den besten Weg, sich auf seine ursprünglichen Qualitäten zu besinnen und mit seinem Charakter und seiner spezifischen Geschichte wieder europäisches Format zu gewinnen. Zum Boulevard gehören - anders als bei mittelalterlichen und barocken Plätzen - breite Bürgersteige, eine Mittelpromenade, aber keine Denkmäler.

 

Ort politischer Demonstration

Die Funktion des Boulevards ist die des öffentlichen Raumes der bürgerlich demokratischen Gesellschaft. Hier verabredet und trifft man sich, genießt Kunst und Kultur. Mit dieser Funktion war der öffentliche Raum auch immer Ort der kritischen Auseinandersetzung. Diese Funktion hatte der Kurfürstendamm bekanntlich zuletzt in den 60er-Jahren als Ort politischer Demonstration. Hier wurde am 1. April 1968 Rudi Dutschke Opfer eines Attentats. Diese Art der politischen Auseinandersetzung hat sich zum großen Teil in die Medien verlagert. Aber auch mit Werken der bildenden Kunst ist es möglich, eine Art kritischer Öffentlichkeit im Stadtraum zu installieren. Das ist möglich mit permanenten Skulpturen, aber durchaus auch mit temporären Installationen. Ein gelungenes Beispiel ist z. B. die Installation von Thomas Schütte mit den vier großen Geistern in der Wiener Innenstadt (Graben).

 

Muff der 70er-Jahre

Wenn es denn Skulpturen auf unserem Boulevard sein sollen, darf ein solches Niveau nicht unterschritten werden. Themen und Personen, die aufs Engste mit dem Kurfürstendamm verbunden sind, gibt es doch reichlich.

Eine Buddy-Bären-Installation wirft den Westen Berlins zurück in die Zeit der 'peinlichen Vertraulichkeit' mit dem Wasserklops vor dem Europa-Center oder noch schlimmer mit den 'Sieben Schwaben' auf dem Hohenzollerndamm.

Mit dem Umbau des Breitscheidplatzes, dem neuen Grand Hotel und der Neugestaltung des Mittelstreifens am Tauentzien ist ein Anfang gemacht, sich vom Muff der spießigen 70er-Jahre des 'Bulettenboulevards' zu befreien.

Autor: Berliner Morgenpost