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30.01.2006 / Presse

Riskante Ausflüge auf brüchigem Eis

Fünf Menschen brachen auf dem Tegeler See ein, alle konnten sich selber retten. Polizei warnt vorm Betreten der Seen und Flüsse

Tausende Menschen strömten gestern auf die Eisflächen, allen Warnungen der Polizei zum Trotz. Am Nachmittag brachen dann fünf Menschen im Tegeler See ein, unter anderem eine Mutter mit ihrem Kind. Alle konnten sich selber retten und blieben unversehrt. Aus bisher noch ungeklärter Ursache klaffte auf dem See, ungefähr 150 Meter vom Ufer entfernt, plötzlich ein 500 Meter langer und circa drei Meter breiter Riss im Eis. Nach den Vorfällen forderte die Polizei gestern am späten Nachmittag per Hubschrauber 250 Personen auf, das ansonsten 27 bis 28 Zentimeter dicke Eis zu verlassen. Das Ufer wurde daraufhin mit Flatterleinen abgesperrt.

Zunächst waren gegen 15 Uhr zwei Erwachsene eingebrochen. Wenig später brach der Fahrer eines Vierrad-Motorrads, eines so genanntes Quads, zwischen Greenwichpromenade und Hasselwerder mitsamt seinem motorisierten Gefährt ein. Während der Mann sich selber retten konnte, barg die Wasserschutzpolizei sein halb im Wasser hängendes Motorrad. Um 17.40 Uhr, nach Einbruch der Dunkelheit, fielen schließlich eine Mutter und ihr Kind in den Riss.

Die eisfreie Fläche zieht sich auf dem Tegeler See nun bis zur Insel Hasselwerder. Nach Einschätzung der Wasserschutzpolizei besteht in diesem Bereich beim Betreten der Eisfläche Lebensgefahr. Der Riss wird trotz kühler Nachttemperaturen voraussichtlich nicht wieder zufrieren. Die Polizei warnte daher noch einmal ausdrücklich vor dem betreten des Tegeler Sees und des Müggelsees. Eine rechtliche Handhabe hat sie jedoch nicht. Sie könne Spaziergänger nur ermahnen, sagte ein Beamter. Auch am Müggelsee gibt eine große eisfreie Fläche, die, wie berichtet, durch ein leckes Wasserrohr entstanden ist.

Bei der anhaltenden Kälte seien Spaziergänger inzwischen sehr leichtsinnig geworden, sagte ein Polizeisprecher. Sie wagten sich immer öfter auch auf die Spree. Gegen 15 Uhr hatten Anwohner im Osthafen mehrere Menschen auf dem Eis gesehen und die Polizei alarmiert. Diese rief die insgesamt 44 Personen vom Eis. Viele von ihnen weigerten sich zunächst trotz der Lautsprecherdurchsagen den Fluss zu verlassen. Auf der Spree wird die Eisdecke durch Eisbrecher aufgerissen, zudem ist in der Nähe ein Heizkraftwerk. Deshalb besteht beim Betreten des Flusses Lebensgefahr.

Auch auf dem Schlachtensee in Zehlendorf rutschten hunderte Kinder auf Kufen über das Eis. Erwachsene schoben Kinderwagen und betrachteten die nahe der Fischerhütte aufgestellten bunten Mini-Buddy-Bären. Unicef sammelte dort für pakistanische Erdbebenopfer. Etwas abseits standen Einsatzkräfte der Feuerwehr mit roten Rettungsschlitten, die aussahen wie Tretboote ohne Pedale. Unter ihnen Wolfgang Rowenhagen, der das sonntagnachmittägliche Treiben kritisch beäugte. Ganz wohl sei ihm nicht bei der Sache, sagte er. Keine der Eisflächen sei freigegeben und eine Sicherheitsgarantie könne man nur für das künstliche Eis der Eislaufhallen geben.

Außerdem, sagte Rowenhagen, seien die Leute oft schlecht über zugefrorene Gewässer und deren Gefahren informiert. Kaum einer wisse beispielsweise, ob unter der Fläche, die er gerade betritt nicht eine Wasserleitung verläuft. Aufgrund dieser und anderer Gefahren wurde Rowenhagen nicht müde, Umstehenden zu erzählen, wie brüchig das Eis beispielsweise in Ufernähe sein kann, besonders wenn es mit Ästen in den See hängender Bäume durchsetzt ist und wie schnell jemand, der ins Eis einbricht das Bewusstsein verliert. Bei drei Grad kaltem Wasser dauere dies nur etwa drei Minuten - danach würde die ohnehin schwierige Bergung noch komplizierter.

Die wenigsten der Schlachtensee-Besucher verließen nach den Warnungen das Eis. So auch Frank Schneider. Der 70-Jährige mimte für eine Demonstration der Feuerwehr den Eingebrochenen, legte sich aufs Eis und ließ sich von einem in dickes Neopren gekleideten Taucher mit einem Rettungsschlitten bergen. „Es ist so kalt wie lange nicht mehr. Ich habe den See schon in Jahren betreten, in denen das Eis viel dünner war", sagte er.

Die Polizei rät, statt auf dem Eis lieber am sicheren Ufer spazieren zu gehen.

Autor: Der Tagesspiegel