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Pressespiegel

31.05.2012 /

"Aus der Schreckenskammer"

Der Chef der Villa Grisebach kritisiert das Vorhaben, auf dem Kudamm Buddy-Bären aufzustellen

Die Berliner Morgenpost hat am Mittwoch berichtet, dass die Buddy-Bären zum Kurfürstendamm zurückkehren sollen. Das Bezirksamt will damit den Boulevard aufwerten. Die Bundesländer sollen mit 16 Skulpturen für sich werben. Ob das Vorhaben zustande kommt, ist noch offen. Bernd Schultz, geschäftsführender Gesellschafter des Auktionshauses Villa Grisebach, glaubt nicht, dass die Buddy-Bären dem Kudamm guttun werden - im Gegenteil. Ein Gastbeitrag:

Von Bernd Schultz

"Was fällt der Bundeshauptstadt ein, wenn die Blumenkübel am Kurfürstendamm zerbröseln und die Mittel für Ersatz ebenso fehlen wie die 50.000 Euro für die jährliche Bepflanzung? Ein jeder kennt sie, die Schreckenskammer der Verlegenheitslösungen, mit denen unsere Stadt überzogen ist. Nun also auch am Kurfürstendamm: Nach den Vorstellungen von Stadtrat Marc Schulte sollen den Mittelstreifen fortan nicht mehr Blumen schmücken, sondern Fahrradständer und - wie auch immer geartete - Marketingflächen für Berliner Kultureinrichtungen. Und als Krönung von all dem, Berlins drollig-bunte Kitsch-Botschafter, die Buddy-Bären. Angeblich nur für ein paar Monate. Aber Bären können träge Tiere sein.

Offenbar haben wir in Berlin vergessen, was einen weltstädtischen Boulevard ausmacht: Sie waren und sind Inszenierungen des Städtischen und wurden zu Recht die großen Bühnen der Welt genannt. Speziell der Kurfürstendamm galt als der Boulevard der neuen Zeit und schickte sich in den 20er-Jahren an, die Champs-Elysées zu verdrängen. Das Zusammenspiel von Alltagsleben und öffentlichem Auftritt macht gerade den Reiz des Boulevards aus, gleichmäßig gepflanzte Bäume, Laternen und eine ansonsten gelassen-ruhige Gestaltung geben den ästhetischen Rahmen. Schon die Blumenkübel waren eine Sünde. Wolf Jobst Siedler nannte sie "verordnete Gemütlichkeit". Buddy-Bären sind falsch verstandener Lokalpatriotismus - und den nennt man "Piefigkeit".

Kann man sich vorstellen, dass auf den Champs-Elysées knallbunte gallische Hähne aus Kunststoff aufgestellt würden? Na, also. Oder auf der Fifth Avenue kleine bunte Adler? Undenkbar. Der Berliner Vorschlag verärgert auch deshalb, weil wir schon einmal weiter waren. Seit den 90er-Jahren hat der Kurfürstendamm eine beachtliche Renaissance erfahren. Die Dependancen großer Weltfirmen wie Cartier, Hermès, Prada, Gucci - um nur einige zu nennen - zeugen davon. Sie siedeln sich hier inzwischen lieber an als in Berlin-Mitte. Durch kluge gestalterische Eingriffe hat der Boulevard seine einstige Allüre, seinen besonderen Charakter, zu einem guten Teil, wenigstens zwischen Gedächtniskirche und Adenauerplatz, zurückgewonnen. Die Schinkellaternen und die schlichten, von J. P. Kleihues entworfenen Kioske und anderen "Stadtmöbel" haben ihm wieder ein urbanes Gesicht gegeben. Die gelungene Gestaltung des George-Grosz-Platzes gehört genauso dazu, und in die gleiche Richtung weisen die aufwendige Renovierung des Cumberland-Hauses und der Bau des Waldorf Astoria, das nun als Signal für die Neuentwicklung des Berliner Westens in den Himmel ragt. Alle Welt schaut jetzt wieder auch auf diesen Teil der Stadt. Was für eine Chance, sich weltstädtisch zu präsentieren. Soll diese Chance wirklich so versemmelt werden? Aber wie ein früherer Senatsbaudirektor einmal gesagt haben soll: Wenn man in Berlin plant, kommt immer nur eine Boulette raus."

Quelle:  Berliner Morgenpost